Bandscheibenvorfall – Eine allfällige OP ist nur ein Teil der Therapie

Quelle: Artikel Schweizer Illustrierte, 5. August 2022 [PDF]

Ohne sie wären wir steif: Die Bandscheiben liegen zwischen den Wirbeln und sorgen dafür, dass unsere Wirbelsäule beweglich ist. Mit zunehmendem Alter kann es jedoch zu einem Verschleiss kommen. Ein Experte erklärt, wie wir bei einer Diskushernie richtig reagieren.

PD Dr. Benedikt Burkhardt: Welche Aufgaben haben unserer Bandscheiben?

Hierfür muss ich etwas ausholen: Eine Band­ scheibe setzt sich aus einem elastischen gallert­ artigen Kern, dem Nukleus, und einem um­ schliessenden Kollagenfaserring, dem Annulus, zusammen. Dieser besteht zu rund 80 Prozent aus Wasser und ist verformbar.

Ein gesunder Faserring hält den Kern in der Mitte zusammen und verhindert, dass er bei erhöhtem Druck aus­ fliesst. Dieser Aufbau erlaubt es, dass Bandschei­ ben bis zu einem gewissen Grad belastbar sind und Beweglichkeit zulassen. Dadurch ist unsere Wirbelsäule stabil und mobil. Hinzu kommt, dass sie als Stossdämpfer fungieren: Die Bandscheiben liegen wie Puffer zwischen den Rückenwirbeln.

PRÄVENTIVE MASSNAHMEN

Mit rückengerechten Übungen können wir einem Bandscheibenvorfall vorbeugen. Um unsere Rücken-, Becken- und Bauch- muskulatur zu stärken und die dynamische Beanspruchung der Bandscheiben zu redu- zieren, ist ein regelmässiges Training wichtig. Was ebenfalls hilft: ein höhenverstellbarer Schreibtisch, regelmässige Pausen während der Arbeit – in denen wir aufstehen und ein paar Schritte gehen – sowie keine schweren Lasten in gebückter Stellung heben.

LETZTER SCHRITT: OP

In den vergangenen 30 Jahren wurde die Bandscheibenchirurgie stets weiterentwickelt: Dank der heutigen Schlüssellochtechnik erreichen Chirurginnen und Chirurgen über kleinere, etwa 7 bis 15 Millimeter lange und muskelschonendere Zugänge die Wirbelsäule mit einem Endoskop. Das medizinische Gerät wird unmittelbar an die Nervenstrukturen herangeschoben. Die Operateurin oder der Operateur sieht das Bild des Endoskops auf einem hochauflösenden Monitor und entfernt mit speziellen Instrumenten das Gewebe.

Der Spitalaufenthalt dauert in der Regel drei bis vier Tage.

Wie müssen wir uns das vorstellen?

Unser Körpergewicht drückt tagsüber – wenn wir stehen, gehen oder sitzen – auf die Band­ scheiben und presst sie immer flacher zusam­ men. Dadurch verlieren sie Wasser. Wenn wir in der Nacht schlafen und dadurch unsere Band­ scheiben entlasten, nehmen sie das verlorene Wasser aus unserem Organismus auf und deh­ nen sich wieder aus. Darum sind wir am Morgen auch etwas grösser als am Abend.

Wie kommt es denn zu einem Bandscheibenvorfall?

Er entsteht meistens durch eine Abnutzung der Wirbelsäule. Mit steigendem Alter – Menschen sind in der Regel zwischen 35 und 50 Jahren erst­ mals davon betroffen – reduziert sich der Wasser­ gehalt und damit die Höhe der Bandscheiben. Dieser natürliche Alterungsprozess führt zu Rissen im Kollagenfaserring.

Durch diese Risse können Teile des gallertartigen Kerns in den Wirbelkanal gelangen und auf das Rückenmark oder die umliegenden Nerven drücken. Weitere mögliche Gründe für eine Diskushernie sind Übergewicht, Bewegungsmangel, körperliche Schwerstarbeit, Nikotin, Fehlbelastung der Wir­ belsäule und genetische Veranlagung. Männer sind übrigens häufiger davon betroffen.

Was sind die typischen Symptome beim Bandscheibenvorfall?

Ein Bandscheibenvorfall muss nicht zwangsläufig mit Schmerzen oder Lähmungserscheinungen verbunden sein. Beschwerden treten meist dann auf, wenn die verrutschte Bandscheibe gegen einzelne Nervenwurzeln, das Rückenmark oder den ganzen Nervenfaserbündel­-Strang in der Wirbelsäule drückt. Diese Beschwerden begin­ nen mit lokalen Schmerzen. Später können aus­ strahlende Schmerzen, Missempfindungen oder Lähmungserscheinungen hinzukommen.

Eine Operation ist nicht immer der richtige Ansatz – stimmt das?

Ja, ein chirurgischer Eingriff ist in der Tat nicht immer die beste Lösung. Denn nicht jeder Band­ scheibenvorfall muss sofort operiert werden.

In welchem Fall ist eine OP unnötig?

Bei kleinen Bandscheibenvorfällen, die die Ner­ venwurzel reizen, sie aber nicht zu stark zusam­ menpressen, reicht in den meisten Fällen eine konservative Therapie. Sprich: die Kombination aus Schmerzmitteln, einer Physiotherapie und einer Haltungsschulung. In diesem Kurs lernen Betroffene, wie sie ihre Rückenmuskulatur lang­ fristig stabilisieren und rückengerecht agieren.

Bei stärkeren Beschwerden rate ich zu einer lokalen Infiltration. Bei dieser nicht chirurgischen Schmerztherapie wird ein Wirkstoffgemisch in die betroffene Stelle gespritzt.

Wann ist eine OP unausweichlich?

Ich rate bei fortschreitenden neurologischen Ausfällen wie einer Muskelschwäche oder einem Taubheitsgefühl zu einer zeitnahen Operation (siehe Box). Sind bei Erkrankten auch Blasen­ und Mastdarmfunktion gestört, handelt es sich um einen medizinischen Notfall. Sie macht aber auch bei einem grossen Bandscheibenvorfall, der den gesamten Nervenkanal einengt und die Nervenwurzeln stark komprimiert, Sinn.

Endoskopische Bandscheibenoperation

Die Muskulatur wird mit speziellen Instrumenten schonend auf­ gedehnt (hier: OP über einen Zugang in der Flanke) …

… und anschlies­ send das Endoskop eingeführt (hier: Operation über einen Zugang am Rücken) und das Bandscheiben­ gewebe entfernt.

Was passiert, wenn Betroffene nicht handeln?

Dauerhafte Lähmungen oder Gefühlsstörungen lassen sich nur bei einer rechtzeitigen Behand­ lung vermeiden. Im Fall des oben genannten grossen Bandscheibenvorfalls besteht das Risiko, dass weiteres Gewebe in den Wirbelkanal ge­ langt und ihn komplett verschliesst. Dadurch wird die Blasen­ und Mastdarmfunktion gestört.

Wie sieht die Nachbehandlung aus?

Eine Operation ist nur ein Teil der gesamten Therapie, da sie die akuten Beschwerden zwar behebt, aber die Abnutzung der Wirbelsäule nicht verändert. Erkrankte Personen sollten eine Haltungsschule besuchen, um einen weiteren Bandscheibenvorfall zu vermeiden.

Fachveranstaltung
38. International ISMISS Course
Zürich

10. – 11. Februar 2023
Weiter- und Fortbildungsveranstaltung für Ärzte:
Das Wirbelsäulenzentrum der Klinik Hirslanden richtet den 38. International Course for Minimal Intervention in Spine Surgery (ISMISS) aus. Diese seit 40 Jahren bestehende Fortbildungsveranstaltung des ISMISS befasst sich ausschliesslich mit minimalinvasiven Therapieoptionen für Erkrankungen an der Wirbelsäule.

PD Dr. med. Benedikt Burkhardt in der Sonntagszeitung

SonntagsZeitung, 18. Dezember 2022
Diagnose Spinalkanalstenose. Konservative Behandlung oder Wirbelsäulen-OP?
Ist der Wirbelkanal in der Lendenwirbelsäule verengt, entstehen oft starke Schmerzen. Welche Vorteile ein endoskopischer Eingriff bringt und wie die Erfolgsaussichten sind, erläutert PD Dr. Benedikt Burkhardt.

Fachveranstaltung
Hirslanden Academy
Neue Therapieansätze in der Chirurgie

24. November 2022
Interdisziplinäre Fortbildung für Ärztinnen und Ärzte, Spezialistinnen und Spezialisten

Minimalinvasive endoskopische Operation bei seitlichem Bandscheibenvorfall

Dank endoskopisch geführten Entlastungstechniken können gut zugängliche Bandscheibenvorfälle punktgenau dargestellt und unter direkter Sicht effizient entfernt werden. Das Verfahren ist äusserst schonend und verhilft zu rascher Rückgewinnung der Mobilität. Frau E., pensionierte Kindergärtnerin, fühlt sich mit 67 Jahren sehr rüstig, unternimmt gerne Wanderungen und besorgt ihren Zweipersonenhaushalt selbständig. Die Wirbelsäule machte bisher problemlos mit. Anlässlich…

Endoskopische Wirbelsäulenchirurgie (Schlüssellochchirurgie)

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